Astrid

Geburt anders als geplant

 

 Ich habe meine Tochter Antonia Greta zuhause bekommen. Eine Hausgeburt hatten mein Mann und ich eigentlich nicht gewollt. Ich hatte mich für ein kleines Krankenhaus in der Näher unserer Wohnung entschieden mit familiärer Atmosphäre. Meine Frauenärztin hatte es mir empfohlen. Außerdem suchte ich mir eine Beleghebamme der Klinik für die optimale Betreuung. Also eine Hebamme, die im Krankenhaus arbeitet und mich bei der Geburt begleitet. Emine, meine Beleghebamme, machte zudem im Wechsel mit der Frauenärztin die Vorsorgeuntersuchungen und ich lernte sie so gut kennen. Auch führten wir ein Gespräch zur Geburtsvorbereitung zusammen mit meinem Mann, so dass auch die beiden sich kennen lernten und wir zudem die für mich/uns wichtigen Fragen besprechen konnten. Die Planung für die Geburt war mir sehr wichtig, denn ich hatte einen riesen Respekt davor – vor den Schmerzen einfach der besonderen Situation. Ich wollte alles so gut vorbereiten wie es ging, um diese unbekannte Herausforderung zu meistern. Denn schließlich würde ich bei der Geburt große Schmerzen haben und müsste mich auf die Menschen verlassen und vertrauen können, die mich dann begleiten. Meine Schwangerschaft verlief gut, alles ohne Komplikationen, aber dennoch wollte ich auf „Nummer sicher gehen“ und für die Geburt in ein Krankenhaus. So wäre ich unter ärztlicher Aufsicht, wenn was passieren sollte, und es ist ja auch so normal. Gefühlt alle Frauen gehen zur Entbindung in die Klinik. Einige machen noch Geburtshaus und die ganz harten und furchtlosen machen Hausgeburt – so dachte ich. Geburtshaus wollten wir nicht. Mein Mann brachte es auf den Punkt: „Das ist wie zuhause. Dann kannst du es gleich zuhause machen.“ Und Hausgeburt war uns beim ersten Kind zu gewagt. Hausgeburt, so dachte ich, mache ich dann beim zweiten Kind, wenn ich weiß, wie es läuft. Und dann kam alles ganz anders.

 

 Meine Wehen fingen vormittags an, leicht und unregelmäßig, wurden mal stärker mal schwächer. In Absprache mit meiner Hebamme wartete ich darauf, dass sie stärker und regelmäßiger werden. Obwohl es meine erste Schwangerschaft war, war ich überhaupt nicht verunsichert und dachte nicht daran, ins Krankenhaus zu fahren. Ich war zuhause, fühlte mich wohl, konnte mich ablenken und laut meine Wehen wegatmen. Zudem konnte ich Emine jederzeit anrufen. Mit ihr in Kontakt zu stehen, gab mir Sicherheit.

 Dann gegen Abend kam der Moment wo ich dachte: Jetzt sind die Wehen wirklich stark und wollte Unterstützung. Kurze Zeit später war Emine da und stellte fest, dass der Muttermund 8cm von 10cm geöffnet ist und die Geburt quasi jeden Moment losgehen kann. Ich musste mich entscheiden, sofort los zur Klinik oder Hausgeburt. Da ich es mir überhaupt nicht vorstellen konnte, mich jetzt mit Wehen ins Auto zu setzen, in die Klinik zu hasten und meine eigene vertraute Wohnung zu verlassen, entschied ich mich für die Geburt zuhause. Und das war goldrichtig! Und im Nachhinein kann ich meine Zweifel und Ängste vor der Hausgeburt nicht mehr nachvollziehen. Flugs wurde improvisiert und alles für die Entbindung vorbereitet: Duschvorhang als wasserdichte Bettunterlage, Wickelunterlage vors Bett zum hinknien, Handtücher bei 50 Grad in den Backofen, um das Neugeborene nach der Entbindung zu wärmen. Während die Hebamme und mein Mann alles herrichteten, tigerte ich im Nachthemd durch die Wohnung und atmete Wehen weg. Dann gingen die Presswehen los. Die Hebamme maß kontinuierlich die Herztöne meines Kindes, gab meinem Mann Anweisungen, wie er mir helfen konnte und untersuchte mich regelmäßig zum Stand der Geburt. Ein oder zwei Mal kam die Geburt ins Stocken – da gab mir Emine Anweisungen, was ich zu tun habe. Sie tat es ruhig und bestimmt. Emine hatte immer die Kontrolle über die Situation und gab uns ein großes Gefühl der Sicherheit und zugleich fühlte ich mich sehr wohl, da ich in meiner vertrauten Umgebung war. Ich hatte zu keiner Sekunde Angst, weil ich nicht im Krankenhaus bin und kein Arzt anwesend ist. Ich vertraute Emine und wusste, wenn etwas kritisch wird, ruft sie den Notarzt.

 

 Die Geburt dauerte von dem Zeitpunkt als Emine eintraf bis zur Geburt Antonias vier Stunden – wir hätten es also noch locker ins Krankenhaus geschafft. Wir sind aber unglaublich dankbar, dass wir uns gegen das Krankenhaus und für die Hausgeburt entschieden haben. Als Antonia dann auf der Welt war, wurde sie in Handtücher gewickelt und mir in den Arm gedrückt. Nach Durchtrennung der Nabelschnur und Geburt der Plazenta legte ich mich aufs Bett gelegt; Antonia auf meinem Bauch und mein Mann legte sich neben mich. Emine ließ uns dann alleine, damit wir uns in Ruhe begrüßen können. Wann hätten wir das in einem Krankenhaus gehabt?

 

 So konnten wir uns ungestört ungläubig anschauen, lächeln und weinen und uns freuen. Es war ein unglaublicher Moment. Dann machte Emine die erste Untersuchung von Antonia, die U1, während ich daneben lag und sie beruhigen konnte. Am Ende wurde ich noch genäht. Mein Mann und Emine räumten dann das gröbste auf und ich konnte in Ruhe in meinem eigenen Badezimmer duschen. Und schließlich lagen wir zu dritt in unserem Bett und Emine verabschiedete sich von uns. Das war wunderschön! Im eigenen Bett zu liegen, in der eigenen Wohnung und der Gewissheit, dass wir, wenn was ist Emine anrufen können, sie aber ohnehin am nächsten Tag kommen und nach uns sehen wird.

 

 Fünf Tage nach der Geburt sind wir zum Kinderarzt, um die U2 durchführen zu lassen. Bis dahin waren wir in unsere kleinen Blase und sahen außer Emine keinen anderen Menschen. Wir konnten uns kennen lernen, wurden nicht durch die Krankenhaus-Routine gestresst, hatten keine Heimfahrt nach der Geburt. Wir hatten nur unsere schöne Erinnerung von der geglückten Geburt. Insgesamt kann ich nur sagen, dass die Geburt für mich wunderschön war! Es war genau die Geburt, die ich haben wollte: Sie war mit Menschen, die ich kannte und denen ich vertraute und es war alles so wie ich es wollte. Unser zweites Kind wollen wir auf jeden Fall wieder zuhause bekommen!